Über die Linde

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Die Linde (Tilia) ist ein menschenfreundlicher Baum, der in der Dorfmitte oder auf dem Hofplatz besser gedeiht als im Wald.
Die alte, mächtige Dorflinde verkörperte für die keltische und germanische Dorfgemeinschaft die Mitte des gesellschaftlichen Lebens. Unter ihrem Schutz fanden die großen Dorffeste, die Hochzeiten und Jahrmärkte statt.
Im milden Schatten der freundlichen hellgrünen Laubkrone lässt es sich gut spielen, tanzen und trinken. […]

Auch die Alten trafen sich unter der Dorflinde, um zu plaudern, sich zu beraten und – wenn notwendig – Dorfgericht zu halten. […]

Die Linde steht für Schutz und Frieden, die Eiche für Recht und Krieg. Beim Gericht unter der Dorflinde erwartete das Volk „lindere“ Urteile als unter der Eiche. In weiten Teilen Europas, vor allem im deutschsprachigen Raum, ist die Linde zum Inbegriff der Heimat geworden. Kein Baum, der so oft besungen wurde wie dieser. Die beliebtesten Volksweisen sind Lindenlieder: „Am Brunnen vor dem Tore“, „Kein schöner Land“ oder „Vor meines Vaters Haus steht eine Linde“. Da wundert es nicht, dass es überall Lindenorte gibt – in Deutschland allein über tausend. Lindau, Linz, Lindenberg und Leipzig (slawisch lipa = Linde) gehören dazu.
Linden wurden beim Dorfbrunnen gepflanzt – dort wo sich die Frauen mit Nachbarinnen trafen und tratschten und wo sie das lebenserhaltende Wasser schöpften –, später auch bei Kapellen und Bildstöcken. Jeder Hof hatte seine Linde als Schutz für Haus und Familie. […]

Die Frauen pflückten eifrig die Blüten und bewahrten diese in Leinensäckchen auf. Im Winter, wenn es unbarmherzig kalt war und die Grippe umging, wurden sie als Tee aufgebrüht. Womöglich noch mit Lindenblütenhonig gesüßt, vermittelt der Tee dem erkälteten Organismus eine heilsame Erinnerung an die Wärme des vergangenen Sommers. Neben dem Holundertee ist der Linden-blütentee einer der besten Schwitztees. Er stärkt die Abwehrkräfte und lässt einen die Krankheit herausschwitzen.
Das Holz der Linde eignet sich weder als Bauholz noch als Brennholz. Es ist weich, nachgiebig, weiblich, es lässt sich leicht schnitzen und weist eine glatte Oberfläche mit schönem Glanz auf. Es ist das Holz für Bildhauer und Statuenschnitzer. Die von besonderer Innigkeit getragenen Marien- und Heiligenbildnisse alter Meister, wie Riemenschneider, Stoß oder Gibbons, wurden aus Lindenholz geschnitten. Ihre Ausstrahlungskraft verdanken sie nicht nur der Begabung der Künstler: Allein schon das Holz trägt zu der sanften lieblichen – wahrhaft „linden“ – Schwingung bei. […]

Pflanzen der Kelten, Wolf-Dieter Storl, AT Verlag